Die Presse über Charisma. Ist der Leser am Ende der Dumme?

AB_SV-100x100Fragen Sie sich auch manchmal, wie manche Artikel in die Zeitung kommen und warum? Das Wie ist in vielen Fällen schnell erklärt: Dahinter steckt nicht selten ein kluger Kopf aus einer PR-Agentur, der die von ihm betreuten Schäflein auf die Weide der Journalisten treibt. Manchmal ist aber auch eine ambitionierte Redaktion mit engagierten Autoren dafür verantwortlich, die aus eigenem Antrieb informieren oder aufklären wollen.

Bei dem Warum wird es mit der Erklärung mitunter schon schwieriger. Vielfach entsteht der Eindruck von oberflächlich wirkender Recherche, scheinbar wahllos aneinander gereihten Zitaten, fehlendem Standpunkt der Autoren, das Ganze garniert mit Überschriften, denen maximal das Prädikat intellektuell unredlich zu verleihen ist. Am 19. Februar 2016 stolperte ich in der FAZ über einen Beitrag von Ursula Kals, Wirtschafts-Redkateurin und zuständig für „Jugend schreibt“. http://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/arbeitswelt/koennen-fuehrungskraefte-eine-charismatische-ausstrahlung-erlernen-14065429.html?GEPC=Share_SMS Die Überschrift Ihres Artikels „Ausstrahlung im Beruf. Charisma gesucht“ weckte mein Interesse, da ich darunter hilfreiche Anregungen für junge Menschen vermutete.Doch schon die ersten Zeilen enttäuschten: „Charisma zu erlangen, das kostet. Der Kurs der etablierten Akademie im Münchener Süden schlägt für zwei Tage mit gut eineinhalbtausend Euro zu Buche. Ja, die Journalistin könne teilnehmen, vorausgesetzt, der Bericht werde den Veranstaltern vorgelegt, vor dem Druck, versteht sich. Die Teilnehmer legten Wert auf höchste Diskretion. Nein, danke. Dann wird es eben nichts mit der eigenen charismatischen Ausstrahlung.“ Zitat Ende. Warum dieser Einstieg, der dem geneigten Leser suggeriert, dass die sich mit Charisma beschäftigende „etablierte Akademie“ unseriöse Geldmacherei betreibt. Das wirkt auf mich wie die kleine Rache einer abgewiesenen Journalistin.

Die Enttäuschung über diesen Beitrag geht weiter. Es folgen die vier Klassiker: 1. Die sich hartnäckig haltende Definition von Charisma „Gott gesandte Gnadengabe“. 2. Der Verweis auf Max Weber. 3. Die Nennung ein paar schon oft in diesem Kontext gehörter Namen wie John F. Kennedy, Steve Jobs und Lady Di. Und 4. die typischen Fragen „Kann man Charisma überhaupt lernen und wenn ja, wie?“ Immerhin hat sich Frau Kals die Arbeit gemacht, wenigstens sechs Menschen zu nennen, die sich mit dem Thema Charisma beschäftigen: Die Hamburger Psychologin Eva Wlodarek, die Amerikanerin Olivia Fox Cabane, den amerikanische Psychologen Ronald Riggio, den Österreicher Georg Wawschinek, John Antonakis von der Universität Lausanne und die Schauspielerin und Coach Julia Sobainsky aus Rheinberg bei Düsseldorf. Aus der Arbeit dieser Damen und Herren zitiert sie. Ihr eigener Standpunkt, ihre Sicht auf’s Thema bleibt verborgen. Wirklich schade. Erweckt doch die Überschrift „Ausstrahlung im Beruf. Charisma gesucht“ den Eindruck, als würde der geneigte Leser in diesem Artikel erstens erfahren, dass und warum Charisma im Berufsleben gefragt ist und zweitens, wie oder wo er Charisma „findet“.

Als Coach und Berater, der sich seit über 30 Jahren mit dem Phänomen beschäftigt, muss und möchte ich im folgenden einige im Artikel von Ursula Kals zitierte Aussagen kommentieren und auf diesem Weg (m)einen Beitrag zur Entschlüsselung des Mythos Charisma leisten.

Ist Charisma eine im Berufsleben gefragte Eigenschaft?

Der verstorbene ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt, schrieb in seinem 2008 veröffentlichten Buch „Außer Dienst“, dass charismatische Politiker in diesen Zeiten dringender denn je vonnöten wären, da sie ihren Wählern unpopuläre politische Entscheidungen verkaufen müssten. Und er attestiert ebenfalls, dass diese Spezies insbesondere unter den Politikern der Bundesrepublik Deutschland rar gesät sei. Diese Ansicht teile ich. Nicht nur in bezug auf die politische Kaste. Auch in der Wirtschaft müssen Führungskräfte Changeprozesse initialisieren, Menschen in unbekanntes Gelände führen und Entscheidungen fällen, die nicht allen von der Entscheidung Betroffenen recht sind. Dass hier eine besondere Ausstrahlungs- und Anziehungskraft hilfreich ist, steht ausser Frage. Gleichwohl ist Charisma kein Privileg von Führern. Es hilft auch der Inhaberin der Currywurstbude und ihren Kunden. Denn „gefühlt“ schmeckt die Currywurst dort am besten, wo sie von einer Person gemacht und kredenzt wird, die mit Freude und Engagement bei der Sache ist. Stimmt die Qualität von Wurst, Curry und Ketchup, ist die entscheidende Zutat das gewinnende Wesen der dahinter stehenden Persönlichkeit, die die Wurst erst richtig lecker macht. Das lässt sich meiner Einschätzung nach auf jede Branche und jede berufliche Position übertragen. Deshalb: Wer Charisma hat, hat’s leichter. Nicht nur im Beruf.

Ist Charisma erlernbar?

In der Beantwortung dieser Frage sind sich alle der von Fau Kals zitierten Experten einig. Charisma ist erlernbar. Wen wundert’s? Verdienen doch alle diese Personen mehr oder weniger gutes Geld damit, dass Sie ihren Mandanten den Erwerb charismatischer Fähigkeiten in Aussicht stellen, wenn sie sich nur auf die Beratung und Betreuung durch sie einlassen. Auch ich selbst reihe ich mich in den Kreis dieser Kollegen ein. Allerdings weise ich auf zwei Aspekte hin: Erstens vertrete ich die Ansicht, dass jeder Mensch die meisten Anlagen für Charisma in sich trägt, wenn er geboren wird. Schließlich kommt es nicht von ungefähr, dass in der Werbung die Grundannahme gilt: Kinder, Sex und Promis funktionieren immer. Sofern es wenigstens halbwegs zum zu bewerbenden Produkt passt. Im Prozess der Sozialisierung werden uns diese Eigenschaften häufig entweder aberzogen oder sie werden gefördert und „befeuert“. Zweitens will ich an dieser Stelle keinen Zweifel daran aufkommen lassen, dass es mitunter ein langer und mühevoller Weg ist, die charismatischen Grundanlagen eines Menschen wieder zu entdecken und zu entfalten. Es bedeutet Disziplin und harte Arbeit für alle Jene, denen diese aberzogen wurden.

Wie und wo findet man Charisma und kann man es erlernen?

Eine Antwort auf die Frage Wo Charisma zu finden ist, habe ich im letzten Absatz bereits gegeben. Und auch hier besteht zumindest teilweise eine inhaltliche Übereinstimmung mit allen von Frau Kals zitierten Charisma-Experten. Implizit gehen sie alle davon aus, dass Charisma im Menschen bereits angelegt ist. Wie sonst wollten sie ihre Mandanten dabei unterstützen, es zu entwickeln und zu trainieren. Was nicht drin ist, lässt sich auch nicht raus holen. Bleibt die Frage: Was macht Charisma aus und wir lassen sich die entsprechenden Fähigkeiten und Fertigkeiten trainieren? Die in den v.g. Artikel zitierten Personen haben teilweise sehr unterschiedliche Antworten auf diese Frage. Georg Wawschinek: „Charismatische Persönlichkeiten sind zuallererst mit sich im Reinen.“ Zitat Ende. Da wüsste ich gerne, wie und womit der geschätzte Kollege diese Aussage belegt. In seinem durchaus lesenswerten Buch „Charisma fällt nicht vom Himmel“ habe ich dazu keine erhellenden Ausführungen gefunden. Der Binzer Kreis, eine Gruppe von Neurologen, Psychologen, Soziologen, Kommunikationswissenschaftlern, Beratern, Trainern und Coaches hat die Biographien zahlreiche berühmter und gemeinhin als charismatisch geltender Persönlichkeiten ausgewertet. Ein Austausch der Auswertungen im Rahmen eines Treffens auf der Insel Rügen ergab, dass der überwiegende Teil dieser Berühmtheiten eine schwierige Kindheit und oder Jugend hatte, und eine komplizierte Persönlichkeitsstruktur aufwies. Von „mit sich im Reinen“ also keine Spur. Eva Wlodarek meint: „Diese ganz besondere Wirkung auf andere setzt drei Kernkompetenzen voraus: Autorität, Empathie, Präsenz. Übertragen aufs Berufsleben glaubt sie, dass es um selbstbewusstes Auftreten, um Warmherzigkeit und um Interesse an anderen Menschen geht.“

Schlagen wir wir dazu kurz die drei Begriffe Autorität, Empathie und Präsenz in Wikipedia nach. „Autorität ist im weitesten Sinne eine soziale Positionierung, die einer Institution oder Person zugeschrieben wird und dazu führt, dass sich andere Menschen in ihrem Denken und Handeln nach ihr richten. Sie entsteht (durch Vereinbarungen oder Herrschaftsbeziehungen) in gesellschaftlichen Prozessen (Lehrer/Schüler, Vorgesetzter/Mitarbeiter) oder durch vorausgehende Erfahrungen von Charisma (nach Max Weber beruhend auf charakteristischen Charismatisierungsquellen, wie Stärke, Kompetenz, Tradition oder Offenbarung. Empathie bezeichnet die Fähigkeit und Bereitschaft, Gedanken, Emotionen, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen und zu verstehen. Zur Empathie gehört auch die Reaktion auf die Gefühle anderer Menschen, wie zum Beispiel Mitleid, Trauer, Schmerz oder Hilfsimpuls. Grundlage der Empathie ist die Selbstwahrnehmung; je offener man für seine eigenen Emotionen ist, desto besser kann man die Gefühle anderer deuten. Präsenz hat die phänomenologische Bedeutung von Anwesenheit und Gegenwart in einer jeweils räumlichen sowie zeitlichen Sichtweise. In der Umgangssprache bezeichnet das Wort Präsenz die Ausstrahlungskraft einer Person.“ Zitat Ende. Soweit Wikipedia. Auf die Kerninhalte reduziert ließe sich daraus schließen: Abgesehen von der Empathie sind also laut Eva Wlodarek zwei Kernkompetenzen von charismatischen Persönlichkeiten Charisma und Charisma. Aha.

Julia Sobainsky zählt auf: Charismatiker sind gute Zuhörer und Redner, mit sich im Reinen, vertrauen auf ihre Stärken, sind authentisch, verbiegen sich nicht und kopieren niemanden, denken regelfremd und sind von der Meinung anderer unabhängig. Sie haben Ziele und dümpeln nicht durchs Leben…Charismatische Menschen glauben an andere „auch in Momenten, in denen diese nicht selbst an sich glauben“. Dieses Vorschussvertrauen habe eine große Kraft. In ihre Coachings spielt ihre Schauspiel- und Tanzausbildung hinein. „Man kann seine Persönlichkeit kontinuierlich entwickeln, kommt in den Raum und füllt den, das ist Technik. Wir nennen das im Schauspieltraining Präsenz, sonst wird ein Schauspieler nicht angeguckt.“ Ihre Tipps für schnelle Effekte? „Bewegungen, die man macht, bewusst im Raum ausführen. Stellen Sie sich vor, die Luft als Widerstand zu haben und mit geringfügiger Kraft dagegen anzuarbeiten. Mental stellen Sie sich vor, durch eine Masse von Kaugummi zu gehen, das erzeugt Körperspannung. Das ist eine hohe Konzentration im Augenblick.“ Haltung zeigen, ganz konkret, also aufrichten und Schultern zurücknehmen. „Das ist das Erste, was ich den Leuten beibringe, man geht dann anders durch die Welt.“ Ende des Zitats aus o.g. FAZ-Artikel.

Hier wird es schon etwas konkreter. Zwar behauptet auch Julia Sobainsky, dass Charismatiker mit sich im Reinen sind und dass Empathie ein Wesensmerkmal von ihnen ist. Darüber hinaus wartet sie aber auch mit ein paar weiteren konkreten Hinweisen auf: Zielorientierung, Eigenständigkeit und Selbstverantwortlichkeit sowie die Fähigkeit einen Raum zu füllen werden von ihr ins Feld geführt als Eigenschaften charismatischer Persönlichkeiten. Insbesondere dem letzten Aspekt sei die vom Binzer-Kreis diskutierte Definition von Charisma gegenübergestellt: „Charisma ist die Fähigkeit, zu erkennen was gebraucht wird. Die Fertigkeit, zu tun und zu sagen, was gefragt ist. Und die Wahrhaftigkeit, sich dabei selbst treu zu bleiben.“ Es darf davon ausgegangen werden, dass es in manchen Situationen schlichtweg unerwünscht oder gar unangebracht ist, einen Raum mit der eigenen Präsenz auszufüllen.

Charisma ist ein Phänomen der Qualität zwischenmenschlicher Begegnungen.

Der Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Jo Reichertz von der Universität Duisburg-Essen postulierte bereits Ende des letzten Jahrhunderts: Charisma ist ein Phänomen der zwischenmenschlichen Begegnung. Es geht also um Interaktion. Ohne Interaktion kein Charisma. Ausgehend von diesem Postulat gilt es also „nur“ noch zu untersuchen, was die Qualität zwischenmenschlicher Begegnungen bestimmt. Die Antwort auf diese Frage lautet: Die Qualität zwischenmenschlicher Begegnung wird maßgeblich durch die Wirkung bestimmt, die die sich begegnenden Menschen aufeinander ausüben und aneinander wahrnehmen. Es zählt also nicht nur, wer wie und was wir sind. Mindestens ebenso bedeutend ist, was von alledem beim anderen ankommt.

Menschen senden und empfangen gemäß unserer bisherigen Untersuchungsergebnisse zum Thema Interaktionsqualität in vier Frequenzbereichen auf insgesamt sechzehn Frequenzen. 1. Frequenzbereich Sensus. Menschen, die in diesem Frequenzbereich stark aufgestellt sind wirken empfindsam, einfühlsam und achtsam. Sie gewinnen andere Menschen durch Rücksicht, Hingabe und Zuversicht. So schaffen sie über Sympathie und Vertrauen eine Atmosphäre des Wohlfühlens. Die einzelnen Frequenzen in diesem Bereich sind: Intuition, Glaubenssätze, Momentfokussierung und Emotionalität. 2. Frequenzbereich Corpus. Menschen mit einer Wirkungsdominanz in diesem Frequenzbereich wirken durch ihr Auftreten und ihre Darstellungsfähigkeit. Sie vermögen es, mit dem ganzen Körper zu sprechen und ihren Absichten auch ohne viele Worte wirkungsvoll Ausdruck zu verleihen. Die einzelnen Frequenzen in diesem Bereich sind: Äußeres Erscheinungsbild, Gestik, Mimik, räumliche Präsenz. 3. Frequenzbereich Intellektus. Menschen mit stärkster Ausprägung in diesem Frequenzbereich wirken vorbereitet, bedacht und überlegt. Sie überzeugen durch Gründlichkeit, Klarheit und Nachvollziehbarkeit sowie die Fähigkeit, Themen auf der inhaltlichen Ebene voran zu treiben. Die Frequenzen in diesem Bereich sind: Analytik, Zielorientierung, Strukturiertheit und Sachlichkeit. 4. Frequenzbereich Lingua. Menschen mit ausgeprägter Kompetenz in diesem Frequenzbereich wirken wortgenau, sprachverliebt und ausdrucksstark. Sie sprechen andere durch Ihre Formulierungskunst, ihren stimmlichen Klang sowie ihren virtuosen Umgang mit allem Buchstäblichen an. Die Frequenzen in Lingua sind: Stimme, Artikulation, Beredsamkeit und Bildhaftigkeit.

Persönlichkeiten, die über ausgeprägte Fertigkeiten in all diesen Bereichen verfügen haben die Fähigkeit, sich auf die Bedürfnisse ihrer Gesprächspartner einzustellen. Sie können zum Beispiel räumliche Präsenz und Einfühlungsvermögen entfalten, wo es nötig ist. Sie sind aber ebenso in der Lage, beides zu Gunsten anderer Interaktionsqualitäten in den Hintergrund treten zu lassen. Sie haben situative Interaktionskompetenz. Und genau diese zeichnet charismatische Persönlichkeiten aus.

Die in besagtem FAZ-Artikel zitierten „Kompetenzen“ bilden leider nur einen Teil der Fähigkeiten und Fertigkeiten ab, die Einfluss auf die Wirkung und Wahrnehmung eines Menschen haben. Es sei an dieser Stelle ein Hinweis auf die S.C.I.L.Diagnostik gestattet, die die Wahrnehmungs- und Wirkungskompetenz eines Menschen umfassend transparent macht und konkrete Hilfestellungen zur Entfaltung der entsprechenden Kompetenzen gibt. (www.scil-strategie.de)

Zurück zur Überschrift dieses Blogbeitrags: Für die Leser von Presseberichten über Charisma wäre es von theoretischem und praktischem Nutzen, wenn sich die Autoren der entsprechenden Artikel vollumfänglich über die in der Gesellschaft existierenden Ansätze informieren, in ihren Medien davon berichten und gerne auch ihre eigenen Standpunkt im Interesse der Meinungs-„Bildung“ zum Besten geben. Andernfalls sind Leser auf der Suche nach Aufklärung zum Thema Charisma nachher weder schlauer, noch ist ihnen hinsichtlich ihrer Ausstrahlung im Beruf geholfen.

1 Antwort
  1. Karsten Ackermann
    Karsten Ackermann sagte:

    Hallo Herr Bornhäuser, gefällt mir gut Ihr Artikel. Tatsächlich werde auch ich bei manchen Artikeln in der „Qualitätstagespresse“ in letzter Zeit häufiger enttäuscht. Bin schon auf die neuen Bogbeiträge gespannt.

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